Das Gebet der Aleviten
Die täglichen Gebete der Aleviten sind individuell. Es ist jedem selbst überlassen wie, wo und wie oft er seine täglichen Gebete verrichtet. Wichtig ist die gute Absicht und dass er nur Gott anbetet und nur Gott huldigt. Zeichen wie das Tragen des Kopftuches, des Bartes oder andere äußere religiöse Darstellungen sind bei den Aleviten keine Maßstäbe der Frömmigkeit. Schon eher Nächstenliebe, Toleranz, Frieden stiften, den Armen helfen oder andere gute Taten.
Neben dem täglichen Gebet gibt es für die Aleviten noch den sogenannten Cem (sprich: “Dschem“), einem Gottesdienste mit der gesamten Glaubensgemeinde in einem Versammlungshaus zur Rezitation von Gedichten und zum rituellen Tanz (Semah). Dieser wird von Frauen und Männern gleichzeitig und gleichberechtigt ausgeführt und dabei vom Dede (»Großvater«) – gleichzusehen mit einem Imam, immer ein direkter Nachkomme der Ehlibeyt-Familie, der Familie bzw. dem Stamm des Mohammed, der den Koran genau kennen muss und dem auch der Besitz von besonderen Kräften (keramet) zugeschrieben wird – oder von der Ana (»Großmutter«) beaufsichtigt. Dedes und Anas sind Personen, die von Imam Alis Linie abstammen und sich mit den alevitischen Ritualen und Traditionen sehr gut auskennen. Sie verfügen über ein hohes Maß an Wissen, welches ihre geistige und menschliche Kompetenz auszeichnet. Sie genießen ein hohes Ansehen unter den Aleviten. Wenn jedoch kein Dede zur Verfügung steht, um ein Cem zu leiten, darf jeder andere Alevite, der sich mit den Ritualen auskennt, einen solchen Gottesdienst leiten.
Während der Cem früher (vor der zunehmenden Abwanderung weiter Teile der alevitischen Bevölkerung Ostanatoliens in den Westen der Türkei) unregelmäßig stattfand – in dörflichen alevitischen Gemeinschaften immer dann, wenn ein Dede ins Dorf kam – erlebte dieses alevitische Ritual im Zuge der zunehmenden Urbanisierung des Alevitentums, die sich seit mehreren Jahrzehnten beschleunigt vollzieht, eine gewisse Umgestaltung. Der Cem wird nun in regelmäßigen Abständen, oftmals wöchentlich abgehalten. Ort für die religiös-mystischen Glaubenshandlungen sind Versammlungshäuser, die von alevitischen Vereinigungen und Kulturvereinen zur Verfügung gestellt werden. Die aus den Dörfern mitgebrachten heterogene Ritualelemente werden dabei vereinheitlicht. Auf diesem Wege ist der Cem in den letzten Jahren zu einem prominenten Mittel der bewussten Neubestimmung alevitischer Identität in der Welt geworden.
Ein Cem hat nicht nur religiöse und spirituelle Funktionen sondern auch soziale, gesellschaftliche und sogar juristische. Die Cem-Versammlung hat neben der Gebetsverrichtung drei weitere wichtige soziale Komponenten:
1. Dede/Pir (oder weiblich: Ana): Der Cem-Leiter, der religiöser Führer der Gemeinde
Er muss in direkter Linie vom Propheten Muhammed abstammen. Sein Stammbaum muss bis zum heiligen Ali (der Neffe des Propheten, zugleich sein Schwiegersohn) und Fatima (die Tochter des Propheten) zurückreichen.
Der Dede muss Erkenntnis, Wissen und eine einwandfreie Ethik und Moral besitzen. Entsprechendes gilt eigentlich auch für die anderen Diensthabenden. Er muß in die historischen, philosophisch -religiösen und rechtlichen Aspekte der alevitischen Glaubensrichtung eingeweiht sein und durch sein Verhalten soll er als Vorbild für die Gemeinde gelten. Außerdem wird erwartet, daß er den Koran beherrscht. Ihm wird auch der Besitz von besonderen Kräften ( keramet ) zugeschrieben, wenn er diese nicht bereits persönlich durch das Wirken kleinerer oder größerer Außergewöhnlichkeiten unter Beweis stellen konnte, sollten zumindest von einem seiner Vorfahren derartigs bereits vollbracht worden sein. Er muß außerdem ein begabter Geschichtenerzähler und ein erfahrener Musiker sein, denn ihm obliegt auch die musikalische Leitung des Cem.
2. Rehber: Der Organisator und Helfer des Dede. Seine Aufgabe ist es den Teilnehmern des Cem behilflich zu sein und als eine Art religiöser Wegweiser zu wirken. Er begleitet Laien z.B. die Personen, die eine Weggemeinschaft eingehen wollen. Er segnet am Anfang des Cems die mitgebrachten Gaben, die nachher brüderlich geteilt und verzehrt werden. Dies stellt das Symbol des Teilens mit anderen Menschen dar.
3. Gözcü: Der Wachmann. Er trägt einen langen Stock, was den Stock des Mose symbolisiert. Er sorgt für Ruhe und Ordnung im Cem und hat einen ordentlichen Ablauf des Cem zu gewährleisten.
4. Çerağçı oder Delilci: Seine Aufgabe ist es, für Licht zu sorgen. Er lobpreist durch eine Grußformel den Propheten Mohammed, seine Frau Hatice, seine Tochter Fatima und die 12 Imame und zündet dabei die Kerzen an. Das Anzünden der Kerzen symbolisiert das göttliche Licht und das es nie erloschen wird.
5. Zakir: Der Barde, Sänger, Sazspieler (Saz ist ein türkisches Saiteninstrument). Er übernimmt die musikalische Aufgabe, indem er den Dede auf der Saz begleitet. Er singt die Loblieder auf die alevitischen Heiligen und auf die Propheten, die in der Bibel und im Koran vorkommen.
6. Süpürgeci oder Ferraş: Der Besenmann ist für die Sauberkeit vor, während und nach dem Cem zuständig. Symbolisch hält er einen Besen in der Hand und kehrt damit den Cem-Platz. Unter Umständen soll er dem Rehber behilflich sein.
7. Sakkaci: Seine Aufgabe ist es Wasser zu verteilen. Das Massaker in Kerbela, wo Imam Hüseyin und seiner Gefolgschaft tagelang mitten in der Wüste umzingelt und vom Wasser des Euphrats ferngehalten wurden und wobei er und viele seiner Familienangehörigen und Anhänger (insgesamt 72 Mann) den Tod fanden, wird nachempfunden. Das Wasser als Symbol des Lebens und der Sauberkeit wird über die Betenden versprüht.
8. Sofraci oder Kurbancı: Der für die Schlachttiere (und das Essen allgemein) zuständige Diener. Seine Aufgabe ist es, sich um die Opfergaben und die Essenszubereitung in der Küche zu kümmern und für deren gleichmäßige Verteilung zu sorgen.
9. Peyik: Der Benachrichtiger. Er benachrichtigt die Gemeinde bei wichtigen Vorkommnissen und er ist der Bote zwischen dem Dede und der Gemeinde. Auch zuständig für die Bekanntgabe des Cem in der Gemeinde.
10. Bekci oder Kapıcı: Seine Aufgabe ist es als Türwächter für die Sicherheit der Veranstaltung zu sorgen. Er bewacht die Türen und achtet darauf, daß keine unerwünschten und fremden Leute zum Cem hineingelangen.
11. Pervane/semahci: Er ist zuständig für einen reibungslosen Ablauf des Semah (Gebetsform der Aleviten in ritueller Tanzform).
12. Iznikci: Der Reinigungsdienst sorgt für die Sauberkeit im Gemeindehaus nach dem Cem-Gottesdienst.
Viele der oben genannten Positionen können auch von Frauen übernommen werden. Typischer Ablauf eines Cem-Gottesdienstes:
Bevor die ersten Menschen eintreffen, werden Teppiche und Sitzgarnituren ausgebreitet. Die Gemeindemitglieder können auch ihre eigenen Sitzkissen und Teppiche mitbringen, was meistens auch der Fall ist. Es wird auf dem Boden gesessen. Wer ein körperliches Gebrechen hat, darf auf einem Stuhl am Cem teilnehmen. Die Gemeinde versammelt sich zur festgelegten Zeit im Cem-Haus. Vor der Versammlung haben die Teilnehmer eine Waschung durchgeführt und saubere, unauffällige Kleidung angezogen. Am Eingang erweisen sie dem Ort des Rituals Respekt durch eine Geste (niyaz). Anschließend werden die mitgebrachten Gaben (lokma), z.B. Brot, Obst oder Weizen, an die lokmacı-Person abgegeben. Zum gesegneten Mahl gehört auch ein Tieropfer (kurban).
Nach der Abgabe der Gaben werden die Schuhe ausgezogen und man nimmt auf der mit Teppichen ausgelegten Fläche Platz. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen sitzen in einem Halbkreis, so dass sie sich in die Gesichter blicken können (cemal cemale). Die Ritualleiter sitzen vorn, neben ihnen sitzt der Barde (zakir), der auf der Langhalslaute (saz) die Gebetshymnen und die religiösen Gedichte vorträgt. Das Ritual findet in der Regel in türkischer Sprache statt, gelegentlich auch auf Deutsch. Eine nach Geschlechtern getrennte Sitzordnung gibt es nicht. Sind die Ehefrau oder die Tochter eines Dede anwesend, sollen sie vorne neben dem Dede Platz nehmen.
Zwischen den Teilnehmern und den Ritualleitern bleibt eine halbkreisförmige Fläche frei, die „Platz“ (meydan) genannt wird. Jede Person betritt den Platz mit drei Schritten, vollzieht einen niyaz (Hinknien und Küssen der auf den Boden gelegten Hände), sagt Hak, Muhammet ya Ali (Gott, Mohammed und Ali) und verlässt den Platz mit drei Schritten rückwärts.
Nachdem sich die Glaubensgemeinde in der Gebetshalle zusammen gefunden und der Rehber die mitgebrachten Gaben gesegnet hat, wartet man auf das Eintreffen des Dede. Der Peyik gibt Nachricht wenn es soweit ist. Wenn der Dede eintritt erheben sich alle. Der Dede grüßt alle und spricht die notwendigen Gebetsformeln aus und nimmt Platz. Sind alle versammelt, betreten die Ritualleiter den Raum (mürşit Leiter/Lehrer; pir Meister; rehber Wegweiser). Die Gemeinde empfängt sie stehend. Nach einigen Gebeten und Ritualen nehmen alle Platz. Der mürşit fragt die Anwesenden, ob sie mit den religiösen Leitern einverstanden sind und ob sie den Dedes das „Einvernehmen“ (rızalık) geben. Die Gemeinde antwortet mit dreimaligem Allah eyvallah. Es folgt die Begrüßung.
Anschließend werden die Inhaber der „zwölf Dienste“ auf den Platz gerufen (neben den Ritualleitern und dem Musiker z.B. der Wächter, der „Fegende“, der Wächter des Lichts, u.a.). Der Ritualleiter fragt, ob alle mit ihnen einverstanden sind. Die Gemeinde antwortet bejahend. Anschließend fragt er, ob es Konflikte unter den Anwesenden gibt. Falls das der Fall ist, muss der Streit jetzt geschlichtet werden. Dreimal fragt der Dede die Teilnehmer nach ihrem gegenseitigen Einvernehmen (rızalık). Sie antworten mit dreimaligem „Wir sind einverstanden, möge auch Gott einverstanden sein“ (Biz razıyız, hak razı olsun). Dann wird der Platz durch den „Fegenden“ (süpürgeci) gereinigt und das „Fell“ (post) vor den Dede auf den Boden gelegt. Es symbolisiert den Platz, den einst Mohammed, Ali und andere Heilige im sogenannten „Cem der Vierzig“ eingenommen haben.
Eine weitere wichtige Handlung ist das „Erwecken des Lichts“. Der Wächter des Lichts zündet drei oder zwölf Kerzen an. Drei Kerzen stehen für Hak, Muhammet, Ali (Gott, Mohammed, Ali), zwölf Kerzen für die „Zwölf Imame“. Danach erfolgt die rituelle Waschung der Hände des für die Waschung Zuständigen, des Dede und einiger Anwesender. Danach werden die „Gaben des Mahls“ (lokmalar) gesegnet.
Nach der Segnung der Gaben wird der Cem „versiegelt“. Der Türwächter schließt die Tür, damit niemand den Raum betritt oder verlässt. Die Anwesenden knien nieder und beten gemeinsam, dabei schauen sie sich immer wieder gegenseitig in die Augen (cemal cemale). Alle bezeugen die Einheit mit Gott und rufen gemeinsam Hak, Muhammet ya Ali (Gott, Mohammed und Ali).
Danach trägt der Barde ein Gedicht vor, das von der Himmelfahrt Mohammeds und dessen Ankunft bei den „Heiligen Vierzig“ handelt. Während des Gedichtes setzt der spirituelle Semah-Tanz ein. Frauen und Männer drehen sich gegen den Uhrzeigersinn und verbinden ihr lnneres mit Gott, ohne sich zu berühren. Danach wird das Heilige Wasser (sakka-suyu), das vom Ritualleiter mit einem Gebet gesegnet wird, verteilt. Anschließend wird das Mahl gleichmäßig verteilt und durch ein Tischgebet eingeleitet. Erst dann darf man essen und trinken.
Es wird zum Schluss nochmals für den Frieden, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Nächstenliebe unter allen Menschen auf der Welt gebetet. Kurze Zeit später endet eigentlich auch der Cem. Das Cem-Ritual endet mit dem „Auflösungsgebet“. Das Fell wird aufgehoben und das Licht (delil) zur Ruhe gebracht.
Hier wurde in ganz kurzen Sätzen der Ablauf des Cems dargestellt. Einen Gottesdienst der bis zu 4–5 Stunden dauern kann, kann nicht kurz erläutert werden. Darum empfehlen wir jedem Interessenten, einen Cem zu besuchen und es mitzuerleben. Manchmal erfährt man durch das Erleben mehr als durch das Lesen.